Exil-Luschnouar »im Kaffee«

Verfasst am 3.01.2010 von luschnou

1921 organisierte der junge Lustenauer Jurist Dr. Rudolf Grabher (Bruder des Heimatdichters Hannes Grabher) für ein Gruppe Vorarlberger die Auswanderung nach Itararé (Brasilien). Mit dabei waren auch sein Bruder  Josef Grabher mit Ehefrau Johanna und seine Schwester Katharina Hofer mit Ehemann Gebhard.

Grabhers

Familienbild der Geschwister Grabher aus Lustenau im Hafen von Santos: Josef Grabher, seine Frau Johanna Grabher, geb. Koppmann, Dr. Rudolf Grabher ( der Organisator der Überfahrt), Katharina Hofer, geb. Grabher, ihr Mann Gebhard Hofer (v. li.)

Im Kaffee

Obwohl die Industriellenvereinigung in Vorarlberg gegen eine vermutete massenhafte Abwanderung von Textilarbeitern protestierte, stellte sich die Landesregierung “nach gründlicher Überprüfung der Person des Dr. Grabher und der ganzen Auswanderungsaktion” positiv zu diesem Unterfangen.

Der Dornbirner Auswanderer Alwin Klocker hatte mit Hilfe einiger Landbesitzer aus Itararé und unter Einschaltung des staatlichen Arbeitsamtes von São Paulo freie Überfahrt für Kaffeearbeiter erreicht. Denn das Kaffeegeschäft boomt und Arbeitkräfte wurden dringend benötigt.

Die Arbeit “im Kaffee” war hart. In einem Brief nach Hause schreibt ein Auswanderer: “Die Arbeit ist schwer, für Europäer unbeschreiblilch schwer; dazu kommt die Hitze, die man bei uns nicht kennt, nicht einmal im Hochsommer, und die Arbeitszeit dauert von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, mit einer Stunde Mittagspause, d.h. von 6 Uhr morgens bis 7 Uhr abends. Die meisten Einwanderer sind mehr oder weniger erkankt, sie haben unter dem Klima zu leiden. Manche werden vom Durchfall geplagt, andere bekommen Geschwüre und Augenleiden. Dann gibt es Sandflöhe, die heftige Schmerzen verursachen und Mücken, kaum zum Aushalten, und dazu noch viele andere unangenehme Dinge. Ich bin seit einigen Tagen zu Hause und leide an Rheumatismus und Kopfweh. Den Arzt, die Apotheke, das Essen und Trinken muß jeder selbst bezahlen; wer nicht arbeitet, d.h. wer erkrankt, erhält für diese Zeit keinen Lohn. Wenn man Geld hat, geht es an, hat man keins, muß man darben. … Nie noch hatte ich in der Fremde ein solches Verlangen nach meiner teuren Heimat wie hier.”

Dr. Rudolf Grabher fasste wenige Monate nach seiner Ankunft in einem Brief an die österreichische Auskunftstelle für Auswanderer den Beginn so zusammen:
“Also: Glückliche Fahrt, fröhliche Ankunft, keine Vorbereitungen, kein Land vermessen, lange Gesichter, gemeinsame Arbeit auf der Fazenda, Straßenbau, Streit und Zank, Hunger, Schulden — Elend.”
Ihm habe man das Leben auf der Kolonie unmöglich gemacht, daher habe er sie gemeinsam mit seinen Verwandten verlassen und sei jetzt Bauarbeiter und Eisenbieger bei der Firma Riedlinger in São Paulo.

Rudolf Grabher gelang, was wenigen glückte. Er ging als Bauarbeiter nach São Paulo, bekam dort rasch einen Büro-Job und wurde bald darauf zum österreichische Honorar-Vizekonsul in São Paulo bestellt.

Ehepaar Grabher

Dr. Rudolf Grabher gelang als erstem der soziale Aufstieg. Er fand in der rasch wachsenden Stadt São Paulo eine Angestellten-Position und wurde bald darauf österreichischer Honorar-Vizekonsul. Am 28. Juni 1924 heiratete er Ottilie Bratke, die Tochter eines deutsch-brasilianischen Kartonagenfabrikanten. Mit seiner Familie besuchte er seinen Herkunftsort Lustenau nur einmal: 1928.

© Dr. Werner Dreiher – Eine ausführliche Dokumentation der Colónia Áustria gibt es hier:

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Andreas Grabher Januar 4, 2010 um 1:34 pm

Interessanter Artikel. Bin seit einiger Zeit mit einer Familie Grabher in Argentinien in Kontakt. Facebook machts möglich… Muss gleich mal fragen ob die mit diesen Grabhers was zu tun haben.

Otmar Holzer Januar 25, 2010 um 10:16 am

Das sind wirklich tolle Beiträge in der neuen HP Luschnou.at. Da freue ich mich schon auf
weitere interessante Beiträge.
Gratuliere !!!!

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