Jahr ohne Sommer?

Verfasst am 24.08.2014 von luschnou

Der Sommer 2014 hat uns bis jetzt nicht mit Sonnenschein verwöhnt, aber wenn auch viele davon reden, dass er eigentlich gar nicht stattgefunden hat – für Meteorologen ist er bisher nicht wirklich ungewöhnlich, wenn auch sehr “durchwachsen”. Der Juni war deutlich zu warm und extrem trocken und es gab auch überdurchschnittlich viel Sonnenschein  … Juli und vor allem der bisherige August vermitteln den Eindruck eines Herbst im Sommer – der Juli war extrem nass – an der Messstelle Schwägalp beim Säntis kamen 555 mm zusammen – Rekord. Auch die Sonnenscheindauer im Juli und August war unterdurchschnittlich. Das Klimabulletin von MeteoSchweiz für Juli 2014 zeigt interessante Details, so gab es vor allem in der Westschweiz an vielen Orten das dreifache des normalen Niederschlags.

2014 wird aber keineswegs als Jahr ohne Sommer in die Geschichte eingehen … Ganz anders vor knapp 200 Jahren. Im Jahr 1816 – ein Jahr nach dem gewaltigen Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa – gab es weltweit Wetterextreme und nicht nur in Europa ging dieses Jahr als “Jahr ohne Sommer” in die Geschichte ein. Die Folgen waren extrem: In den USA gab es 1816 Nachtfrost-Perioden im Juli und August, im kanadischen Quebec fiel – wie auch in höheren Tallagen der Alpen – mitten im Sommer Schnee. Und in Westeuropa kam es zu schweren Unwettern, die etliche Flüsse über ihre Ufer treten ließen. Das dauerhaft schlechte Wetter sorgte für katastrophale Missernten, nördlich der Alpen stieg der Getreidepreis auf das Zweieinhalb- bis Dreifache – und der russische Zar Alexander I., dessen Reich von den Auswirkungen verschont geblieben war, schickte 100 000 Rubel und Getreide in die besonders schwer betroffene Ostschweiz.
Die Menschen in Lustenau litten große Not und wurden 1817 durch ein extremes Rheinhochwasser noch einmal schwer getroffen. Als im Frühsommer 1817 das Tauwetter in den Bergen einsetzte, waren es schließlich die Schneemassen zweier Jahre, die abschmolzen. Im Rheintal kam es am 15. Juni, 2. Juli und 28. August zu Überschwemmungen. Besonders am 28. August waren zahlreiche Dammbrüche zu verzeichnen, allein im St. Galler Rheintal waren es vierzehn! Auf Vorarlberger Seite durchbrach der Rhein bei Ruggel, Bangs, Meiningen, zwischen Koblach und Mäder, bei Brugg und in Gaißau die Dämme. Der Bodensee erreichte damals wie die meisten anderen Voralpenseen seinen Höchststand seit 1566. Die Auswirkungen der Überschwemmungskatastrophe von 1817 waren verheerend. Vielerorts waren Todesfälle durch Fleckfieber und Mangelkrankheiten zu beklagen. Die Situation war deswegen so prekär, weil infolge der kalten und feuchten Witterung bereits die Ernten der vorangegangenen Jahre schlecht gewesen waren. Seit Herbst 1816 waren die Getreidepreise unaufhörlich gestiegen. Als nun auch noch große Teile der für 1817 zu erwartenden Ernte vernichtet wurden, verschärfte sich die Situation noch weiter. Die Lustenauer Pfarrchronik berichtet von einer großen Hungersnot und unnennbarem Elend, das viele Todesopfer forderte: “Manche starben, ohne eigentlich zu verhungern, da es ihnen alle Lebenskräfte benahm … Auch im nahen Appenzell fanden viele Leute den Hungertod.”

Da Europa zudem noch unter den Folgen der Napoleonischen Kriege zu leiden hatte, sorgte das “Jahr ohne Sommer” für eine Auswanderungswelle nach Amerika – ebenso, wie es zu Agrarreformen führte. Selbst die Entwicklung der Draisine soll indirekt mit dem Hungersommer zusammenhängen – Karl Drais baute sein Laufrad 1817 als Reaktion auf das Pferdesterben in Folge des Futtermangels.

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Vergleich der Sommertemperaturen 1816 zum langjährigen Mittel (1971 – 2000).

Frankenstein und Vampire

Das “Jahr ohne Sommer” ging als Schreckensjahr in die Geschichte ein. “Achtzehnhundertunderfroren” nannte man es in Deutschland, “Eighteen hundred and froze to death” in den USA. Für die englische Literatur war es ein fruchtbares Jahr:

In einer Villa am Genfer See versuchte sich Mitte 1816 eine Gruppe illustrer Urlauber die Langeweile wegen des anhaltend schlechten Wetters zu vertreiben: der englische Dichter Lord Byron, der sein Heimatland gerade erst wegen mehrerer Skandale um seine Affären verlassen hatte, sein Leibarzt John Polidori, das damals noch unverheiratete Schriftstellerpaar Percy und Mary Shelley sowie Marys Stiefschwester Claire Clairmont. Die kalten Sommerabende versüßten sich die Literaten mit einer berauschenden Mixtur aus Opium und Alkohol. Während draußen Blitze über dem Genfer See niedergingen, lasen sie sich im Kerzenschein Gruselgeschichten vor – und starteten einen Wettbewerb im Schauergeschichten-Schreiben, der wesentliche Werke der englischen Literatur begründen sollte. “Mary Shelley begann wenige Tage danach den Frankenstein, der – wie sie in ihrem Vorwort von 1832 schreibt – aus den Gesprächen ihres Mannes mit Byron hervorging”, berichtet Eilers. Byron wiederum habe am Genfer See die erste Vampir-Erzählung in der europäischen Literatur konzipiert. Diese später von Byrons Leibarzt Polidori vollendete Erzählung präge das bis heute vorherrschende Bild des bösen, mächtigen und erotischen Gentlemen-Vampirs. (Quelle: Frankfurter Rundschau).

FrankensteinDraft

Manuskriptseite von Shelleys “Frankenstein”.

Lol456 Mai 11, 2016 um 2:01 pm

shit

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